Was sind die Aufgaben des Vizepräsidenten?
Neben seiner Rolle als erster Amtsnachfolger des Präsidenten fungiert der Vizepräsident in erster Linie als Präsident des Senats. Diesem sitzt er jedoch bei seinen Sitzungen aufgrund anderer Amtsgeschäfte meistens nicht selbst vor. Der Präsident pro tempore oder eine von ihm delegierte Person nimmt diese Aufgabe in der Regel wahr. Laut der Verfassung obliegt es ihm hingegen, die von den Wahlmännerkollegien der einzelnen Bundesstaaten nach Washington D.C. entsandten Abstimmungslisten über die Wahl zum Präsidenten vor versammeltem Kongress zu verlesen und das Ergebnis der Wahl zum Präsidenten und Vizepräsidenten zu verkünden. In jenen Fällen, in denen der Vizepräsident tatsächlich einer Senatssitzung vorsitzt, sind seine Gestaltungskompetenzen stark begrenzt. Abgesehen von der Fähigkeit, bei Stimmgleichheit im Senat entscheiden zu können, kommt ihm kein allgemeines Stimmrecht zu und auch die Teilnahme an politischen Debatten ist für ihn nicht vorgesehen.
Seit der Gründung des Nationalen Sicherheitsrates durch den National Security Act of 1947 ist der Vizepräsident als gesetzlich vorgeschriebenes dauerhaftes Mitglied besser in die sicherheitspolitische Situation der Vereinigten Staaten eingeweiht. Anlass dazu gegeben hatte zwei Jahre zuvor der Tod von Präsident Franklin D. Roosevelt inmitten des Zweiten Weltkrieges, durch den der erst vor wenigen Monaten zum Vizepräsidenten vereidigte Harry Truman zum Präsidenten wurde. Da Roosevelt ihn weitestgehend in sicherheitspolitischen Fragen, Absprachen mit anderen Staaten und dem Manhattan Projekt im Dunkeln gelassen hatte, musste er sich erst während der Amtsausübung auf den aktuellen Stand bringen. Um dies künftig zu vermeiden, wurde der Vizepräsident neben u.a. dem Außenminister und dem Verteidigungsminister zu einem dauerhaften Mitglied, was ihn zur Teilnahme an Sitzungen und zur Kenntnis über Geheimdienstinformationen berechtigte.
Mit der Zeit gewann der Vizepräsident auch immer mehr an Einfluss als erster Berater des Präsidenten. Einige der Amtsinhaber, wie zuletzt auch Vizepräsidentin Kamala Harris oder Dick Cheney, bestanden darauf, bei wichtigen Entscheidungen die letzte Person im Raum zu sein. Dabei werden dem Vizepräsidenten häufig konkrete Aufgaben durch den Präsidenten zugeteilt, die nicht gesetzlich vorgeschrieben sind. Dick Cheney in etwa war in außenpolitischen Fragen wohl einer der einflussreichsten Vizepräsidenten, insbesondere mit Hinblick auf den Irakkrieg, während Kamala Harris mit der Grenz- und Einwanderungspolitik betraut wurde.
Weitere interessante Details
In Sachen Qualifizierungsvoraussetzungen bestehen bei der Wahl zum Vizepräsidenten keine Unterschiede zur Wahl des Präsidenten. Laut Verfassung darf keine Person, die nicht zur Wahl zum Präsidenten zulässig ist, zum Vizepräsidenten gewählt werden. Demzufolge muss es sich um einen geborenen US-Amerikaner handeln, der das 35. Lebensjahr vollendet hat und seit 14 Jahren Einwohner der Vereinigten Staaten ist.
Gemäß dem 22. Verfassungszusatz darf keine Person mehr als zweimal in das Amt des Präsidenten gewählt werden. Da der Vizepräsident jedoch unter Umständen aufgrund der Amtsnachfolge und nicht durch eine Wahl zum Präsidenten werden kann, wurde hier gleichzeitig eine gesonderte Regelung festgesetzt. Sollte der Vizepräsident nämlich mehr als 2 Jahre der Amtszeit seines Vorgängers ausfüllen, so kann er lediglich ein weiteres Mal gewählt werden. Liegt die verbleibende Zeit bei unter zwei Jahren, so gilt erneut das Limit von zwei Wiederwahlen. Damit wird die maximale Amtszeit eines Präsidenten unter allen denkbaren Umständen auf 10 Jahre begrenzt.
Nachdem Präsident Lyndon B. Johnson infolge des Kennedy-Attentats zum Präsidenten wurde und damit das Amt des Vizepräsidenten bis zum 20. Januar 1965 zum wiederholten Male vakant war, wurde vom Kongress der 25. Verfassungszusatz auf den Weg gebracht, welcher letzten Endes 1967 ratifiziert wurde. Damit wurde nun unter anderem auch geklärt, dass der Präsident bei einer Vakanz im Amt des Vizepräsidenten einen Nachfolger zu nominieren hat, für dessen Bestätigung es die Mehrheit beider Kammern des Kongresses erfordert.
Bisher wurde diese Regelung erst zweimal angewendet und zwar beide innerhalb von nur knapp mehr als einem Jahr Abstand zueinander. Aufgrund des Rücktrittes von Vizepräsident Spiro Agnew im Oktober 1973 wurde Gerald R. Ford, Fraktionsführer der Republikaner im Repräsentantenhaus, nach Nominierung von Richard Nixon zum neuen Amtsinhaber. Letzterer sorgte mit seinem Rücktritt im August 1974 und dem damit verbundenen Nachrücken Ford’s in das Präsidentenamt für eine erneute Vakanz. Gefüllt wurde diese schließlich im Dezember selbigen Jahres durch den liberalen Republikaner und ehemaligen Gouverneur von New York, Nelson Rockefeller.
